Auf den Punkt: 11 Fragen an Rüdiger Düchting

Rüdiger Düchting ist seit 1. Oktober 2018 zweiter Geschäftsführer der exorbyte GmbH. Über Anziehungspunkte, Standpunkte, Wendepunkte und marktrelevante Pluspunkte berichtet der Ostwestfale im Interview mit Dorit Knorr (exorbyte Unternehmenskommunikation). Dabei skizziert er auch mögliche Schritte für das angestrebte Unternehmenswachstum und gibt Einblick, wie er seine Erfahrung und seine Persönlichkeit dafür einbringen will.

 

1. Vom Konzern zum Nischenanbieter: Was hat Sie bewegt zu exorbyte zu wechseln?

Mehr Freiheit, mehr Flexibilität, kürzere Entscheidungswege, ein einzigartiges Produkt mit vielfältigem Einsatzpotenzial und ein leidenschaftlich engagiertes Team – das sind die High-Fives, die mich überzeugt haben. Das langfristige, nachhaltige Denken eines inhabergeführten Unternehmens entspricht meiner persönlichen Auffassung von Wertschöpfung. Zusammen mit dem Gründer zu überlegen, wie wir das Unternehmen stärker am Markt positionieren, welche Investitionen wir zum Wachstum tätigen – und direkt Einfluss zu nehmen, ist reizvoll für mich. Dieser Wirkungsgrad war deshalb besonders anziehend, weil ich exorbyte bereits als Kunde schätzen gelernt habe. Das Produkt ist im Kern mehr als wettbewerbsfähig, geht sogar vorneweg. Ich bin überzeugt: Für den Kunden können wir noch viele weitere Anliegen bei der digitalen Transformation ihrer Geschäftsprozesse relativ schnell lösen. Hier kann ich viel Erfahrung einbringen, denn meine 19 Jahre bei Bertelsmann waren extrem stark davon geprägt, kundenorientiert Lösungen zu entwickeln. Ich freue mich darauf, agil auf Marktbedürfnisse zu reagieren und Ideen einfach mal schnell ausprobieren zu können.

2. Die exorbyte GmbH hat nun zwei Geschäftsführer. Wie sind die Aufgaben verteilt?

Innerhalb der Geschäftsführung wird Benno Nieswand, Gründer und Geschäftsführer, die Technologie und damit die Entwicklung verantworten. Meine Verantwortungsbereiche sind der Markt und die Kunden. Trotz der Aufteilung stehen wir sehr eng im Austausch, schließlich gilt es, vom Markt, den Kunden, ihren Problemen und Bedürfnissen die Brücke zur Technologie zu schlagen. Zusätzlich wird das Thema Finanzen in meiner Verantwortung liegen.

3. Welches Potenzial sehen Sie in der exorbyte Technologie?

Das Produkt ist ganz klar eine Nischenlösung. Die Nische jedoch kann man in diversen Branchen und auch global betrachtet sehr unterschiedlich besetzen. Das macht die Nische vielfältig und den Markt größer als das Wort es vermittelt.
Können Sie bitte ein Beispiel nennen?
Der konkrete Anwendungsfall macht schließlich unser Produkt beim Kunden aus. Im Prinzip steckt aber die gleiche Technologie drin. Und die kann beispielsweise in der Versicherungsbranche einen ganz anderen Mehrwert liefern – auch viel breiter gefächert als beispielsweise im öffentlichen Sektor. Banken und Versicherungen haben einen starken Kommunikationseingang, viele Papierbelege müssen dort verarbeitet werden. In Kombination mit einer Scannerlösung bildet der matchmaker dann die entscheidende Brücke zu den nächsten Prozessschritten: die fehlertolerante Suche in vorhandenen Datenbeständen, um in den Dokumenten etwas zu erkennen und relevante Daten extrahieren zu können. In diesem Fall bedeutet die Nische, dass wir im Hintergrund des eigentlichen Anwendungsfalls stehen. Hier sehe ich über Business-Partnerschaften zusätzliches Marktpotenzial. Und auch im Direktvertrieb haben wir noch viele weiße Flecken auf der Landkarte, die wir durch eine intensivere Marktbearbeitung erreichen können. Suche und Matching wird von den meisten Wettbewerbern im Bereich Personenstammdaten, Personen- und Adressqualifizierung genutzt. Der matchmaker löst heute viele Aufgaben mehr. Und dafür muss der Kunde seine vorhandene Systemlandschaft nicht verändern!
Es handelt sich also um mehr als ein Nice-to-have?
Absolut. Mit matchmaker bieten wir den Unternehmen ein Herzstück für die Digitalisierung datengetriebener Geschäftsprozesse – ein Must-have.

4. Wie schätzen Sie das Wettbewerbsumfeld ein?

Der Wettbewerb ist nicht so klar greifbar. Das liegt einerseits an den vielfältigen Anwendungsfällen für unsere Technologie, andererseits an der Portfoliostruktur der Wettbewerber. Wir haben beispielsweise Wettbewerber im Bereich Stammdatenqualität, Personendatensuche, Adressrecherche oder Adressnormierung – immer in Kombination mit Personendaten. Da ist ein klares Wettbewerbsumfeld. Wir sind, meiner Meinung nach, in einem sehr disruptiven Umfeld. Ich könnte mir vorstellen, dass wir nochmal eine Konsolidierung im Markt erleben. Das sehe ich aber auch als große Chance für uns.
Wie meinen Sie das?
Nach meiner Einschätzung sind wir in Punkto Preisfindung wesentlich attraktiver als die etablierten Marktteilnehmer und auch deutlich flexibler. Da zahlt sich unsere (kleine) Größe aus. Wir können uns relativ schnell auch ein neues Modell überlegen. Hier ist der Gründer direkt mit im Team dabei und wenn wir glauben, dass ein neues Preismodell Erfolg hat und uns nachhaltig profitabel wachsen lässt, dann probieren wir das kurzerhand aus. Das alles gilt für den Marktbereich, wo es um Stammdaten, Adressstammdaten und die Qualität der Stammdaten geht. In dem Bereich unter dem Schlagwort „identity resolution“ ist das Anbieterfeld noch recht unklar, insbesondere auch die Relevanz der Angebote zum Stichwort. In den nächsten Monaten werde ich hier intensiv reinhören.

5. Was sind die nächsten Schritte auf Ihrer Agenda?

Die Stabilisierung der Bestandskundenbetreuung ist in den nächsten sechs bis zwölf Monaten zweifelsohne eine zentrale Aufgabe. Kundenzufriedenheit ist das A und O, denn Kunden sind unsere Fürsprecher. Zudem haben wir einige sehr interessante Sachen in der Sales-Pipeline und die gilt es mit konzentrierten Kräften zum Abschluss zu bringen. Ich bin auch der Meinung: Wir können unsere Branchen weiter durchdringen. In der öffentlichen Wahrnehmung sind wir zu wenig präsent. Unsere Kommunikation in den Markt hinein ist zu leise. Dafür haben wir das Team bereits um weitere Fachexpertise ergänzt.

6. In welchen Branchen sehen Sie das größte Potenzial?

Für mich sind das genau die Branchen, in denen wir bereits unterwegs sind, also im Finanz- und Versicherungssektor, in Behörden, in der Telekommunikation, im Versandhandel, und sicherlich spielen auch die Versorger eine wichtige Rolle. All diese Branchen verarbeiten traditionell Massendaten – Personenmassendaten – und beschäftigen sich mit der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse. Und das bedeutet: Systembrüche aufzulösen und die Systeme näher miteinander kommunizieren zu lassen, sie näher zusammenzurücken – rein technisch gesehen. Da können wir ein Mosaikstein sein. Das ist ein breiter Zielmarkt, wo wir in den nächsten zwölf bis 24 Monaten gutes Potenzial zum Wachsen haben.

Eine Branche, in der wir nicht klassischerweise unterwegs sind, ist die Industrie. Die Frage wäre für uns, welche Notwendigkeit in der Industrie 4.0 besteht, in sensorisch generierten Daten suchen und abgleichen zu müssen. Das wäre dann ggf. ein neuer Zweig. Dazu gilt es zunächst die Schlagworte Internet of Things, Industrie 4.0 zu bewerten – ob wir da auch einen Platz haben.

7. Was ist die größte Herausforderung bei der digitalen Transformation und wie gelingt die Umsetzung?

Das Thema ist komplex, mehrere Faktoren spielen da eine Rolle. Ich persönlich möchte gerade hierzu auch noch intensiver mit unseren Kunden und anderen Unternehmen aus diesen Branchen ins Gespräch kommen. Ich halte aber den Qualitätsanspruch, mit Daten jederzeit professionell umzugehen, für einen Schlüsselfaktor bei der digitalen Transformation. In der ersten Stufe kann das schon die Erkenntnis sein, genau an diesem Punkt noch Defizite zu haben. In den Gesprächen, die ich in den letzten Wochen mit unseren Kunden und auch mit Interessierten führen konnte, habe ich immer wieder festgestellt: Die approximative Suche und damit auch die Kenntnis über die verfügbaren Daten sind eine zentrale Problemstelle – weil Systeme fehlen oder schlicht unzufriedenstellend arbeiten. Die fehlertolerante Suche und den fehlertoleranten Abgleich löst unser matchmaker mit höchster Sicherheit und beeindruckender Geschwindigkeit. Die Suche in Daten ist damit Einstieg und zentraler Dreh- und Angelpunkt für digitale Geschäftsprozesse zugleich.

8. Rechtliche Vorgaben spielen Ihnen für weiteres Wachstum in die Hände, oder?

Ja, denn Sicherheit ist ein Anliegen des Staates. Je mehr die Gesellschaft und die Wirtschaft durch Daten geprägt werden, desto größer wird die Bedeutung einer treffsicheren Such- und Abgleichtechnologie – unserer Kernkompetenz. Das Geldwäschegesetz definiert zum Beispiel die Richtlinien für die Vergabe von Krediten. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFIN) kontrolliert deren Einhaltung durch die Banken. Das sind zunehmend auch internationale Vorgaben. Sanktionslisten oder andere Risikolisten berücksichtigen, strukturelle und personelle Verflechtungen von Unternehmen auflösen, Betrug und Betrugsmöglichkeiten verhindern – das sind weitere Aufgaben, die wir mit unserer Technologie stützen können und welche vielfach gesetzlich geregelt sind. Auch der Schutz von Privatpersonen, konkret die Datenschutzgrundverordnung, erhöhen die Relevanz, personenbezogene Daten in den unternehmensweiten Datensilos ausfindig zu machen und das mit absoluter Sicherheit.

Ein starker Treiber für die Nachfrage ist außerdem der zunehmende Druck, Prozesse zu optimieren, zu digitalisieren und schließlich Kosten zu sparen. In vielen Unternehmen traditioneller Wirtschaftszweige wird heute immer noch sehr viel ganz klassisch, sehr manuell gesucht. Das geht bis hin zu nicht digital vorliegenden Akten. Papierbezogene Altakten oder Altkorrespondenzen zu digitalisieren, sie per OCR zu analysieren, um sie dann digital lesbar zu machen, so dass man darin suchen kann, ist höchst relevant. Wir müssen die gesamte Wertschöpfungskette begreifen, in der sich der Kunde befindet. Aus meiner Erfahrung in der Welt der IT-Dienstleistung weiß ich, dass die exorbyte Technologie viele andere IT-Lösungen im Paket aufwerten würde.

9. Werden Out-of-the-Box-Lösungen bald interessanter sein?

Ja, darauf sollten wir uns einstellen. Im Grunde haben wir so etwas auch schon. Wir begreifen es intern nur nicht als Paketierung. Für unsere Technologen ist das immer individuell. (lacht)

Ein fertiges Template für eine B2B-Suche zum Beispiel – das haben wir heute bei unserem Kunden beDirect seit langer Zeit etabliert. Prinzipiell können wir diese Suchlösung genauso als Plug-and-Play-Service anbieten.

10. Templates ersetzen ganze Berufszweige. Wird Ihr Produkt bald auch kopiert, also austauschbar?

Das glaube ich nicht, weil wir im Kern auf einen Algorithmus aufsetzen, der unique ist. Unsere Aufgabe ist es, unseren Mehrwert noch deutlicher herauszustellen. Die Anwendung drum herum – ganz ehrlich, die kann austauschbar sein.

11. Auf dem Weg in die digitale Transformation kommt man also an exorbyte nicht vorbei?

Wir können auf jeden Fall einen großen Mehrwert für dieses Ziel liefern – definitiv, ja! Im Grunde lösen wir die initiale Anwendung für digitale Geschäftsprozesse und das ist die effiziente Nutzung der vorhandenen Stammdaten, sprich: die Nutzbarmachung aller Daten, unabhängig von ihrer Qualität.